Was steht zwischen den Zeilen?

© Blanvalet

Mai 2008

»Oft das Wesentliche«, sagt die Übersetzerin Barbara Schnell. Besonders heikel wird es bei erotischen Passagen

Barbara Schnell hat fast alle Romane der amerikanischen Bestseller-Autorin Diana Gabaldon ins Deutsche übersetzt.

BRIGITTE: Alle loben Ihre Übersetzungen. Die amerikanische Bestseller-Autorin Diana Gabaldon hat Ihnen sogar ihren aktuellen Roman gewidmet: »Für Barbara Schnell, meine deutsche Stimme«. Wie haben Sie das denn geschafft?

BARBARA SCHNELL: Vielleicht liegt es daran, dass ich wirklich jeden Satz übersetze und nichts weglasse – das kommt nämlich häufiger vor, als man denkt. Außerdem kenne ich Diana schon seit Anfang der 90er Jahre. Da habe ich mich in einem Internet-Forum mit ihr angefreundet und mir sogar ihr erstes Buch aus Amerika schicken lassen.

Und dann hat »Outlander« Ihr Leben verändert?

Na ja, nicht sofort. Es hatte tausend Seiten und ein Cover voll goldener Buchstaben und Rosen. Ich hab zuerst gedacht, dass ich damit auf keinen Fall in der Öffentlichkeit gesehen werden möchte. Als ich es dann angefangen habe, hat es mich aber sofort gepackt. Ich mag ihren sinnlichen, fließenden Stil, es wird ja manchmal gesagt, Diana Gabaldon schreibe, als ob man ein Fenster aufmache. Das finde ich treffend. Inzwischen ist Diana sogar Patentante meiner Tochter.

Sie dolmetschen auch Diana Gabaldons Lesungen. Gibt es Sätze, die Sie nicht ins Deutsche übersetzen?

Eigentlich nicht. Wenn Gabaldon zum Beispiel gefragt wird, was sie an Männern im Kilt fasziniert, und sie antwortet: Mit denen könnte man innerhalb von Sekunden an der Wand stehen und Sex haben – dann werde ich zwar rot und denke, ach du liebe Güte. Aber ich übersetze es trotzdem.

Was ist der größte Unterschied zwischen Übersetzen und Dolmetschen?

Ein Dolmetscher kann richtige Katastrophen anrichten. Wenn ich im Fernsehen sehe, wie Leute Gespräche zwischen mächtigen Politikern live übersetzen – alle Achtung, da ziehe ich den Hut. Ich meine, da muss man wirklich höllisch aufpassen, sonst hat man plötzlich aus Versehen einem anderen Staat den Krieg erklärt.

So gesehen hat ein Übersetzer ja ganz schön viel Macht.

Stimmt. Man kann dramatisieren oder Inhalte verflachen …

Und was geht gar nicht?

Wenn Erotisches wörtlich übersetzt wird. Das geht gar nicht, weil im Englischen für Sex ein wunderbar beiläufiges Vokabular existiert, das es im Deutschen einfach nicht gibt. Diana Gabaldon hat mal eine Lesung mit einem Wortspiel eröffnet, in dem sich „socks" auf „cocks" gereimt hat. Ich muss das im Deutschen mit Socken und Schwänze übersetzen, und schon klingt es peinlich und total vulgär. Ich habe mal die Schriftstellerin Benoîte Groult getroffen, die Autorin des Bestsellers »Salz auf unserer Haut« …

… auch ein sehr erotisches Buch.

Genau, und Benoîte Groult ist ja Französin, versteht aber sehr gut Deutsch. Als ihr Buch Ende der 80er Jahre übersetzt wurde, hat sie die erste Version abgelehnt, weil die erotischen Passagen für sie wie ein medizinischer Fachtext klangen. Das Buch musste dann ein zweites Mal ins Deutsche übertragen werden.

Nützt Ihnen Ihr Übersetzerberuf im Alltag? Verstehen Sie Menschen besser, und vor allem: Werden Sie von anderen besser verstanden?

Leider nicht. Ich versuche mich ja immer glasklar auszudrücken, aber mein Mann versteht mich zum Beispiel trotzdem manchmal falsch. Auf den Punkt genau sein, dass kann ich auf Papier, aber nicht mit dem gesprochenen Wort.

Braucht also jeder Mensch im Privaten einen Übersetzer?

Das wäre toll, jemanden zu haben, der ein bisschen Abstand hat und alle Macken kennt. Man muss sich ja sonst in einer Beziehung erst mal eine gemeinsame Sprache erarbeiten, und das dauert. Ich bin immerhin schon seit 22 Jahren verheiratet und stelle immer wieder fest, dass man auch auf Deutsch zwei völlig unterschiedliche Sprachen sprechen kann.

Was unterscheidet Männersprache von Frauensprache?

Der Unterschied ist drastisch kleiner als der zwischen Hunde- und Katzensprache. Aber ich glaube, dass Frauen die Welt anders sehen als Männer; dass Frauen andere Details wichtig finden. Deshalb ist es auch besser, wenn Schriftstellerinnen von Frauen übersetzt werden: Wenn ein Mann einen von einer Frau geschriebenen Roman übersetzt, könnte er Details übersehen oder – noch schlimmer – sie kurzerhand einfach weglassen.

Von Ihrem ersten Honorar haben Sie sich ein Pferd gekauft. Wie übersetzen Sie Ihre Sprache dem Pferd?

Ich bin jedenfalls kein Pferdeflüsterer wie Monty Roberts. Ich verlasse mich bei der Verständigung mit Pferden lieber auf meinen gesunden Menschenverstand.

Und? Klappt das, oder üben Sie noch das Buchstabieren?

Ich würde sagen, ich bin etwa viertes Schuljahr, aber ich habe ja meine Reitlehrerin, die meine Sprache korrigiert. Wenn ich zum Beispiel den ganzen Tag am Schreibtisch gehockt habe und krumm und buckelig auf dem Pferd hänge, anstatt konzentriert und aufrecht sitzend meine Signale zu geben, dann versteht das Pferd mich nicht. Das ist dann wie Nuscheln.

Das Leben wäre viel leichter, wenn sich fremde Sprachen Wort für Wort übersetzen ließen. Wieso funktioniert das eigentlich nicht?

Die Antwort auf diese Frage weiß nicht einmal die Sprachwissenschaft ganz genau. Nur ein Beispiel: Ein berühmter Roman von Diana Gabaldon heißt im Original „Drums of Autumn", also wörtlich übersetzt „Trommeln des Herbstes". Auf Deutsch heißt das Buch aber »Der Ruf der Trommel«. Das finde ich ganz gut getroffen, weil die Übersetzung wie das Englische etwas Melancholisches hat. Oft muss man als Übersetzerin nicht die Worte, sondern das Gefühl übertragen, das man beim Lesen hat.

Und was steht zwischen den Zeilen?

Das Wesentliche und oft auch Überraschendes. Man braucht Sprachgefühl und Sorgfalt, um es zu verstehen. Außerdem sollte man sensibel sein für Stilmittel. Diana arbeitet zum Beispiel mit Wiederholungen. Wenn ein Übersetzer das nicht merkt, dann streicht er einen Satz raus, wenn er zum zweiten oder dritten Mal auftaucht, weil er denkt: Das hat die Autorin ja schon mal gesagt – weg damit.

Was sind das für Überraschungen, die Sie bei der Arbeit erleben?

Manchmal böse. Und zwar, wenn ich von einem unkorrigierten Manuskript übersetzt und dabei einen Fehler im Original übersehen habe. Manchmal gibt es Jahreszeitensalat. Oder in einem Buch wird aus Mr. Lillywhite später Mr. Lillington. Was ich da nicht mitbekomme, bleibt der Nachwelt dann lange zwischen Buchdeckeln erhalten.

Nervt es Sie, wenn jemand statt des deutschen ein englisches Wort benutzt?

Ich schimpfe schon mal mit dem Fernseher, wenn ein Film besonders blöd synchronisiert ist, oder schreibe einen Leserbrief, wenn eine Zeitung grundlos ein englisches Wort verwendet.

Das klingt aber ziemlich streng.

Nein, nein. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es muss nicht immer alles wie aus dem Grammatiklehrbuch klingen. Wenn ich zum Beispiel bei manchen Radiosendern so genannte ernsthafte Kultursendungen mit ihrem staatstragenden Bildungsbürgerdeutsch höre, dann krieg ich den Föhn. Wie reden die denn? Ich bin doch nicht 100! Im dem Fall ist aus dem Bemühen, korrekt zu bleiben, eine Sprache geworden, die total verstaubt klingt. Da höre ich bei mir zu Hause in Nordrhein-Westfalen dann lieber den Jugendradiosender Eins live, die quatschen auch »Denglisch«, sind aber irre kreativ und sehr selbstironisch.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

Ich sage mal Thomas Mann und Wolfdietrich Schnurre. Was natürlich finstere Rückschlüsse auf mein Interesse an der deutschen Gegenwartsliteratur zulässt.

Was mögen Sie an der deutschen Sprache?

Als Werkzeug ist Deutsch sperriger als Englisch. Umso größer ist die Genugtuung, wenn damit Eleganz gelingt.

Interview: Christa Thelen
erschienen in BRIGITTE Heft 11/2008 vom 7. Mai 2008
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von BRIGITTE

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