Übersetzerin Barbara Schnell über ihre Arbeit und ihre enge Freundschaft zu Diana Gabaldon

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Mai 2014

Barbara Schnell hatte gerade angefangen, als freie Filmkritikerin zu arbeiten, als sie Diana Gabaldon im Frühjahr 1992 in einem Forum des Online-Dienstes CompuServe kennenlernte. Aus der zufälligen Internet-Begegnung mit der damals hierzulande noch völlig unbekannten Autorin eines Buches mit dem Titel Outlander entwickelte sich bald eine enge Freundschaft. „Die Lust am Wort verband uns genauso wie die Begeisterung für das schottische Hochland", sagt Barbara Schnell, und seit dem vierten Band der Highland-Saga ist sie die Übersetzerin ihrer „persönlichen Lieblingsbücher".

Diana Gabaldons Bücher sind sehr dick – wie lange brauchen Sie für eine Übersetzung?

Das ist ja gleich zum Einstieg eine knifflige Frage. Die erste Datei, die ich für das aktuelle Buch »Ein Schatten von Verrat und Liebe« angelegt habe, trägt das Datum 1.1.2013. Die Übersetzung war am 26.4.2014 fertig. Das heißt aber nicht, dass ich vierzehn Monate übersetzt habe, denn zwischendurch musste ich immer wieder auf Nachschub von Diana warten. Und gerade bei diesem Buch war es eine Mischung aus Übersetzung und Recherche/Redaktion. Ich würde sagen, letztendlich habe ich acht Monate wirklich intensiv daran gearbeitet.

Wie gehen Sie bei der Arbeit vor, was sind die ersten Schritte?

»Ein Schatten von Verrat und Liebe« besteht aus neun Teilen, die mir Diana in chronologischer Folge gemailt hat. Wenn ich einen Teil bekomme, lese ich ihn. Dann lege ich eine Datei mit der Nummer des ersten Kapitels an, hole tief Luft und stürze mich ins Vergnügen. Gleichzeitig lege ich für jeden Teil eine begleitende Datei mit Anmerkungen an. Darin notiere ich Anschlussfehler, die sich hin und wieder einschleichen. Außerdem lässt Diana hin und wieder kleine Lücken im Text, wenn ihr z.B. eine Jahreszahl, ein Offiziersrang o.ä. fehlt und sie ihren Schreibfluss nicht unterbrechen möchte, um dieses Detail sofort einzufügen. Diese Klammern habe ich zum Teil für sie gefüllt bzw. mit ihr abgesprochen.

Wie sieht die Arbeit aus – fällt für Sie viel Recherche an?

In diesem Fall war es so, dass ich – zum Teil im Austausch mit der amerikanischen Lektorin Kathy Lords – tatsächlich einiges an Arbeit über die reine Übersetzung hinaus geleistet habe und auch zwei- oder dreimal chronologische Knoten lösen konnte. Faszinierend, nicht nur an der Entstehung der deutschen Fassung, sondern des eigentlichen Buchs so dicht dran zu sein!

Stehen Sie im ständigen Austausch mit Diana Gabaldon, wenn Sie am Übersetzen sind?

Ja. Wir tauschen uns per E-Mail aus, hören je nach Bedarf manchmal eine Woche nichts voneinander, dann laufen wieder die Leitungen heiß, und es ist fast wie ein Telefonat.

Haben Sie sich vor der Highland-Saga auch schon für Geschichte interessiert? Oder haben Sie das durch diese Arbeit neu für sich entdeckt?

Ich hatte Geschichte als Abiturfach und habe auch ein Geschichts-Studium begonnen.

Teilen Sie sich die Übersetzung nach einem Plan genau ein, oder bleiben Sie an einer komplizierten Stelle auch mal hängen?

Ich nehme mir ein Tagespensum vor, das ich aber nicht in einem Block „abarbeite“, sondern häppchenweise. Zum einen ist es tatsächlich so, dass ich hin und wieder bei einer Textstelle auf Granit beiße und dann geduldig warten muss, bis sich die Lösung präsentiert; zum anderen ist es erfahrungsgemäß so, dass ich nach ca. anderthalb Buchseiten eine Atempause brauche. Das merke ich dann, weil es einfach nicht mehr weitergeht. Entweder erledige ich dann etwas anderes am Computer – ich betreue eine Reihe von Websites, da ist immer etwas zu tun, was sich zwischendurch machen lässt –, oder ich lege eine längere Pause ein.

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Autoren arbeiten zum Schluss hin, „in der heißen“ Phase, oft Tag und Nacht an ihrem Text. Ist das bei Ihnen genauso?

Ja. [lacht] Da ich mehr oder weniger parallel mit Diana arbeite und ja auch einen Abgabetermin habe, durfte ich schon mehrfach am eigenen Leib erfahren, was für eine tolle Sache Adrenalin ist.

Würden Sie sagen, dass Sie durch Ihre Arbeit mit Diana Gabaldon als Übersetzerin „spezialisiert" sind, was Setting o.ä. angeht?

Überhaupt nicht. Die Bücher, die mir nach Dianas Romanen bisher die größte Freude gemacht haben, waren die Kate-Shugak-Krimis von Dana Stabenow. Diese Serie handelt von einer privaten Ermittlerin im Alaska von heute und sind toll! Leider sind sie in Deutschland in der „Schweden-Flut“ recht sang- und klanglos untergegangen. Und auch Dianas Bücher spielen ja zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Es freut mich immer sehr, wenn mir jemand schreibt, dass ich für alle Personen und Situationen den richtigen, individuellen Tonfall hinbekomme.

Wie viele Outlander-Romane wünschen Sie sich noch, bzw. wie viele können Sie sich vorstellen, noch zu übersetzen?

Ich hoffe, dass ich sie alle übersetzen darf. So weit ich weiß, plant Diana noch einen Lord-John-Roman, und es wird noch mindestens einen weiteren Band der Highland-Saga geben.

Belohnen Sie sich nach einer fertigen Übersetzung?

Gute Frage – eigentlich betrachte ich das Buch als Belohnung. Wer hat schon das Glück, seine persönlichen Lieblingsbücher übersetzen zu dürfen? (Klingt kitschig, ist aber so.) Vom Honorar meiner ersten Gabaldon-Übersetzung habe ich mir 1998 einen Kindheitstraum erfüllt und mir mein erstes Pferd gekauft.

Kommen Sie überhaupt dazu, mit der Autorin ihre gemeinsamen Erfolge zu feiern?

Nicht immer zeitnah, aber irgendwann schon.

Es wirkt, als seien Sie und Diana Gabaldon enge Freunde…

Ich war mit Diana schon lange befreundet, ehe ich ihre Übersetzerin wurde. Wir kennen uns seit 1992; das erste Buch habe ich 1997/98 übersetzt. Wir haben auch schon E-Mails ausgetauscht bzw. in einem CompuServe-Forum miteinander kommuniziert, ehe ich Outlander überhaupt gelesen habe. Ihre Mails haben mich neugierig gemacht, und da es damals ja noch schwierig war, in Deutschland an fremdsprachige Bücher zu kommen, habe ich irgendwann eine Bekannte in Amerika gebeten, mir den ersten Band zu schicken. Sie hat mir ihr eigenes Taschenbuch geschickt, inklusive diverser von Tränen gewellter Seiten. Ich fand allerdings das goldgeprägte Cover so gruselig, dass ich das Buch erstmal ein paar Wochen in der zweiten Reihe im Bücherregal versteckt habe. Irgendwann hat die Neugier aber gesiegt, und ich war vom ersten Satz an hin und weg. Das Buch habe ich heute noch; es ist einer meiner größten Schätze. Als Diana Jahre später das erste Mal in Deutschland war, hat sie mir hineingeschrieben: „For Bärbel – Glad you found me!“

Wie oft sehen Sie sich und zu welchen Anlässen?

Das ist unterschiedlich. Der letzte Anlass war die Hochzeit meiner Tochter vor genau einem Jahr. Davor war es eine Lesereise. Oder wir haben uns in Schottland getroffen und sind ein paar Tage gewandert.

Haben Sie eine Lieblingserinnerung mit Diana Gabaldon?

Diverse. Die, die mir als erste einfällt, ist allerdings ein Abend Anfang 1997. Meine damals neunjährige Tochter hatte gerade beschlossen, dass sie katholisch getauft werden wollte, und ich hatte Diana davon erzählt. Kurz vor Mitternacht schlief das ganze Haus, und ich habe vor dem Schlafengehen noch einmal meine E-Mails abgerufen. Alles war dunkel, auch der Bildschirm. Bis darauf plötzlich das einzige Licht im Raum erschien. Drei grüne Zeilen. „Liebe Bärbel, wenn Du möchtest, würde ich gern Francas Patentante werden. Alles Liebe, Diana." Drei Monate später war Diana auf Lesereise in England, und wir haben den Termin für die Taufe in diesen Zeitraum gelegt, so dass Diana für drei Tage kommen konnte. Das war unsere erste persönliche Begegnung.

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