Gabaldons Zeitreisetheorie

Es ist alles Claire Beauchamps Schuld. Hätte sie sich nicht geweigert, die Klappe zu halten und wie eine Frau aus dem achtzehnten Jahrhundert zu reden, wären meine Bücher reine historische Romane geworden. Da ich aber zu faul war, ein ganzes Buch lang gegen ihre natürliche Veranlagung anzukämpfen, sah ich mich also stattdessen verpflichtet, ihr erstens zu gestatten, modern zu sein (nicht dass ich da großartig die Wahl gehabt hätte; sie ist bemerkenswert stur), mir zweitens etwas dazu einfallen zu lassen, wie sie dort hingekommen war, und drittens herauszufinden, was dann passierte.

Freundlicherweise drängten sich die Steinkreise im Verlauf meiner Recherchen über die schottische Geographie und Landschaft geradezu auf. Damit hatte ich einen Mechanismus für die Zeitreisen. Mir die eigentlichen technischen Vorgänge und weiteren Implikationen zu überlegen, erforderte allerdings ein wenig Zeit, da die Erbauer der Steinkreise – wer auch immer sie waren – nicht daran gedacht hatten, eine Bedienungsanleitung in die Oberfläche zu meißeln.

Da Claire selbst keine blasse Ahnung hatte, wie Zeitreisen funktionierten – und sie Geillis Duncan dummerweise in Cranesmuir aus den Augen verlor, bevor sie ihre Hausaufgaben vergleichen konnten –, gestaltete sich die Erklärung des Vorgangs langsam und stockend und entwickelte sich im Lauf der Bücher weiter, da ständig neue Informationen ans Licht kommen und die Figuren, die durch die Steine reisen können, sich über das Thema zu unterhalten beginnen.

Ein paar Dinge sind offensichtlich: 1. Die Steinkreise markieren Orte, an denen die Passage möglich ist, und 2. die Fähigkeit zur Zeitreise ist anscheinend ererbt. Nun wissen wir noch nicht, ob die Steinkreise nur Markierungen sind, die in der Vorzeit als Warnung vor einem Ort gedacht waren, an dem Menschen auf mysteriöse Weise verschwanden, oder ob die Steine selbst eine aktive Rolle beim »Öffnen« einer Tür durch die Zeitschichten spielen. Ich selbst neige zu Ersterem, doch es bleibt eine ungeklärte Frage.

Was die Erblichkeit der Fähigkeit angeht, so ist es offensichtlich, dass nicht jeder durch die Steine reisen kann. Wir wissen, dass zwei der Menschen, die es können (Brianna und Roger), direkt von zwei anderen abstammen (Claire und Geillis Duncan). Daraus lässt sich schließen, dass das Zeitreise-Gen dominant ist; das heißt, dass nur ein Elternteil das Gen haben muss und dass das Gen nur ein Mal vorhanden sein muss, damit die Eigenschaft vorliegt. Es ist wie die Fähigkeit, seine Zunge zu einem Zylinder einzurollen; wenn man das entsprechende Gen nicht hat, kann man es einfach nicht. Wenn man es hat, ist es ganz leicht und natürlich.

Gene, die solche Eigenschaften kontrollieren, kommen normalerweise allel, das heißt paarweise vor, wobei von jedem Elternteil eines der allelen Gene stammt. Jeder Elternteil hat wiederum zwei allele Gene – eines von jedem seiner Eltern. Wenn also eine Person (zum Beispiel Brianna Fraser) von einem Reisenden und einem Nichtreisenden abstammt, dann hat sie nur ein Zeitreise-Gen – aber dieses Gen reicht aus, um die Eigenschaft zu aktivieren, das heißt, ihr die Passage durch die Zeit-Tore zu ermöglichen. Sie besitzt allerdings ein Reise-Gen und ein Nichtreise-Gen. Sie wird nur eines dieser Gene an ihren Nachwuchs weitergeben, und es ist eine pure Zufallsangelegenheit, welches Kind welches Gen abbekommt.

Wenn der andere Elternteil des Kindes (Roger MacKenzie zum Beispiel) ebenfalls ein Zeitreisender mit mischerbigem Reise-Gen ist (also ein Reise-Gen und ein Nichtreise-Gen besitzt), dann haben wir die folgenden Möglichkeiten:

Wenn Brianna und Roger vier Kinder bekommen, heißt das mit anderen Worten, dass im Schnitt drei von ihnen Zeitreisende sein werden und eines nicht. Wenn sie ein Kind bekommen (Jeremiah zum Beispiel), dann stehen die Chancen drei zu eins, dass er reisen kann – aber es besteht eine fünfundzwanzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass er es nicht kann.

Ist Jeremiahs Vater aber kein Zeitreisender (Stephen Bonnet zum Beispiel), so ergibt sich folgende Konstellation:

Was wiederum bedeutet, dass Jeremiah immer noch die Fähigkeit zur Zeitreise besitzen kann, aber die Chancen stehen eins zu eins oder auch fifty:fifty.

Andererseits kennen wir nur Briannas Genotyp mit Sicherheit; Roger könnte von beiden Eltern ein Reise-Gen erhalten haben. Wenn das zutrifft, dann ist sein Genotyp ZZ, und alle Kinder, die er mit Brianna bekommt, können reisen.

Und dann wissen wir auch nicht mit Sicherheit, dass Stephen Bonnet nicht zeitreisen kann. Schließlich findet man das erst heraus, wenn man zufällig durch einen Steinkreis marschiert, und zwar zur richtigen Jahreszeit. Wir können aus Geillis Duncans Recherchen schließen, dass dies nicht allzu oft passiert – aber es kommt vor.

Geillis Duncan scheint sehr ausführlich recherchiert zu haben und wusste wahrscheinlich mehr als irgendjemand sonst über die Mittel und Wege des Zeitreisens. Unglücklicherweise ist sie tot; falls sie also nicht anderswo noch mehr über die Ergebnisse ihrer Nachforschungen geschrieben hat, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als zu versuchen, das Rätsel durch Ableitung und Experimentselbst zu lösen.

Präsentismen

DER MANGEL AN PERSPEKTIVE in der Literatur (oder bei ihren Lesern) verursacht oft ein zeitgenössisches Phänomen, für das ich einmal die Bezeichnung »Präsentismus « gehört habe; also die Neigung, alle literarischen Werke mit den beschränkten Maßstäben der Gegenwart und ihrer Kultur zu messen. Das führt zu so seltsamen Phänomenen wie der Verunglimpfung von Klassikern wie Huckleberry Finn – mit der Begründung, dass sie Themen wie die Sklaverei oder die Frauenrechte auf eine Weise behandeln, die nicht mit den heutigen Vorstellungen von dem übereinstimmt, was »politisch korrekt« ist. Diese Einstellung beruht im Grunde darauf, dass einfach nicht anerkannt wird, dass es andere Zeiten als die Gegenwart überhaupt gegeben hat. Da diese Grundvermutung eindeutig ein Irrtum ist, kann man die daraus resultierende Einstellung – dass es naheliegt, historische Zeiten und Figuren mit modernen Maßstäben zu messen – unmöglich ernst nehmen. Ich kann es zumindest nicht.

Außerdem müssen wir bedenken, dass Geillis Duncans Schlussfolgerungen auch nicht immer unbedingt stimmen; beispielsweise war sie ja ursprünglich überzeugt, dass ein Menschenopfer erforderlich war, um die Passage zu öffnen. Wir wissen, dass das nicht stimmt, da Claire ohne derartige Hilfsmittel durchgekommen ist.

Außerdem glaubte Geillis – vermutlich auf Grund alter Schriften, auf die sie später gestoßen ist –, dass Edelsteine eine Methode zur Kontrolle über den Zeitreisevorgang darstellten (indem sie beispielsweise die Passagen zu anderen Zeitpunkten als den Sonnen- und Feuerfesten öffneten) und den Reisenden beschützten. Mit dieser Annahme scheint sie näher an der Wahrheit gelegen zu haben, da Roger auf seiner Reise tatsächlich geschützt war – zunächst durch die Granatsteine am Amulett seiner Mutter und dann durch den Diamanten, den Fiona Graham ihm gegeben hat.

Das Grimoire, das Fiona gefunden und Roger gegeben hat, enthielt Geillis’ Hypothese, dass die Zeitpassagen sich an Orten befanden, an denen die magnetischen Kraftlinien, die die Erdkruste durchziehen, so nah aneinanderstoßen, dass sie sich strudelförmig anziehen und Passagen bilden, die die Schichten der Zeit miteinander verbinden. Es hat den Anschein, als unterlägen die Zeitpassagen tatsächlich magnetischen Einflüssen, da sie an den Sonnen- und Feuerfesten am weitesten offen stehen – zu den Zeiten des Jahres, an denen die Sonne die stärkste Anziehung auf die magnetischen Erdlinien ausübt.

Doch dies sind nur Hypothesen; ob die Edelsteine tatsächlich wirken, bleibt abzuwarten.

Das ist alles, was wir zurzeit über den Zeitreisemechanismus wissen. Über die simple Existenz des Phänomens hinaus können wir diverse Vermutungen und Ableitungen über seine Wirkung anstellen. Mit anderen Worten, es ist eine Sache, wie, wann und warum jemand reist, doch was geschieht mit dem Zeitreisenden – und mit der Zeit –, wenn er drüben angelangt ist?

Paradoxon, Prädestination und Entscheidungsfreiheit

Ein Schriftsteller, der sich mit Zeitreisen befasst, hat immer zwei Möglichkeiten, ob er nun ausdrücklich darauf hinweist oder nicht: erstens das Zeitreiseparadoxon (das heißt, kann man die Vergangenheit ändern, und wenn ja, wie ist die Zukunft davon betroffen?) und zweitens die Wahl zwischen Prädestination und Entscheidungsfreiheit.

All diese Fragen beruhen natürlich auf den grundlegenden Konzepten der Linearität und der Kausalität – wenn man die Hypothese nicht akzeptiert, dass die Zeit linear verläuft, aber davon ausgeht, dass Kausalität existiert (und ich glaube, dass es unmöglich ist, eine Geschichte zu schreiben, in der das Grundprinzip der Kausalität nicht existiert. »Experimentelle Literatur«, ja – Geschichte, nein), dann werden Paradoxe nicht nur möglich, sondern sie werden geradezu zwangsläufig ein zentraler Punkt der Geschichte.

Wenn man von der Hypothese ausgeht, dass die Geschichte (also die Ereignisse der Vergangenheit) verändert werden kann, dann räumt man seinen Figuren die philosophische Möglichkeit der Entscheidungsfreiheit ein. Lehnt man die Hypothese ab, dass die Geschichte verändert werden kann, dann ist man gezwungen, sich daran zu halten, dass alles vorherbestimmt ist.

Wenn die Vergangenheit durch die Handlungen von Zeitreisenden nicht verändert werden kann, dann legt dies die Notwendigkeit der Prädestination (oder der Postdestination, je nachdem) nahe – das heißt, die Grundidee, dass die Ereignisse »schicksalhaft « geschehen werden und das Individuum daher nicht in der Lage ist, sie zu beeinflussen.

Wenn man diese Vorstellung akzeptiert, dann geht man davon aus, dass das Universum einer Grundordnung unterliegt, deren Tragweite viel größer ist als die Tragweite menschlichen Tuns. Dies ist ein religiöser oder philosophischer Standpunkt, der viele Menschen anspricht; wir möchten gern glauben, dass jemand, der weiß, was er tut, die Fäden in der Hand hält.

Andererseits ist die Vorstellung, dass alles vorherbestimmt ist, weder besonders gut für unser Selbstbewusstsein noch für unsere Unternehmungslust – und diese beiden Faktoren sind sehr wichtig, wenn es eine Geschichte geben soll (wir identifizieren uns mit den Charakteren, und wir fragen immer wieder: »Und was passiert dann?«). Diese Vorstellung führt zu einem Gefühl der Gleichgültigkeit, das verhindert, dass der Leser von der Geschichte gefesselt wird und die Wirklichkeit vergisst. Ich sage Ihnen, es kommt zwar vor, dass das Konzept der Prädestination in einem Roman funktioniert, aber das ist viel weniger reizvoll als das Konzept der Entscheidungsfreiheit.

Wie weit sich ein Leser auf eine Geschichte einlässt, hängt in erster Linie davon ab, wie gut der Autor seine Zweifel zerstreuen kann: davon, dass der Leser die Realität akzeptiert, die der Autor geschaffen hat, selbst wenn sie der Erfahrungswelt des Lesers völlig fremd ist. Ein Autor hat eine größere Chance, diese Zweifel zu zerstreuen, wenn er seine Geschichte so weit wie möglich innerhalb des Erfahrungsbereiches der Leser ansiedeln kann und nur jene Elemente manipuliert, die geändert werden müssen, um die gewünschte Realität zu erzeugen.

Demzufolge ist es für den Leser einfacher, eine Paradox-Geschichte zu akzeptieren – eine Geschichte, deren Geschehen sich im Kreis bewegt und auf Prädestination basiert –, wenn diese eine ganz persönliche Geschichte ist, die losgelöst von wichtigen historischen Gegebenheiten erzählt wird. Wenn man eine Zeitreisegeschichte erzählt, in der bedeutende, wiedererkennbare Ereignisse verändert werden, so stört man die Akzeptanz des Lesers, indem man eine kognitive Dissonanz zwischen den Ereignissen herstellt, von denen der Leser weiß, dass sie geschehen sind, und der künstlichen Welt, auf die er sich einzulassen versucht.

Ich finde es interessanter, Geschichten zu schreiben, die den Protagonisten ihre Entscheidungsfreiheit lassen, und ich halte es auch für wahrscheinlich, dass es den Lesern gefällt. In unserer Zeit und Kultur wird die Vorstellung, dass wir über individuelle Macht verfügen, nicht nur allgemein vorausgesetzt, sondern sie gilt auch als höchst erstrebenswert (die Erzählungen anderer Zeiten und Kulturen können natürlich andere Vorstellungen von der Macht des Individuums reflektieren – und das tun sie auch).

Was fängt man also mit diesen gegensätzlichen Entscheidungsmöglichkeiten an? Das ist eine Entscheidung, die jeder Schriftsteller individuell treffen muss; ich für meinen Teil habe mich für beides entschieden – meinen Figuren Entscheidungsfreiheit zu geben, aber keine bedeutenden geschichtlichen Ereignisse zu verändern (ach, wie schön, ein gottgleicher Autor zu sein!). Daher beruht Gabaldons Zeitreisetheorie auf der folgenden zentralen Grundbedingung:

Ein Zeitreisender hat Entscheidungsfreiheit und individuelle Handlungsfreiheit; allerdings reicht seine Handlungsfreiheit nicht weiter, als es seine Lebensumstände erlauben.

Aus dieser Grundbedingung ergibt sich eine notwendige Folge, die nicht das Geringste mit Zeitreisen zu tun hat, sondern vielmehr mit der offensichtlichen Natur historischer Ereignisse zusammenhängt:

Die meisten bedeutenden historischen Ereignisse (Geschehnisse, die eine große Anzahl von Menschen betreffen und daher wahrscheinlich in den Annalen auftauchen) sind das Sammelresultat der Handlungen vieler Menschen.

Natürlich gibt es Ausnahmen von dieser Regel: politische Attentate, die eine Wirkung auf viele Menschen haben, aber von einem einzelnen Individuum durchgeführt werden können; wissenschaftliche Entdeckungen, geographische Erkundungen, kommerzielle Erfindungen etc. Doch auch die Wirkung solcher Ereignisse hängt zum Großteil von den Umständen ab, unter denen sie stattfinden; viele wissenschaftliche Entdeckungen sind mehrmals gemacht worden – und wieder verloren gegangen –, bevor sie allgemeine Akzeptanz oder gesellschaftliche Relevanz erlangten.

Daher stimmt es nicht unbedingt, dass Wissen Macht ist – Wissen ist nur dann Macht, wenn die Umstände seine Anwendung erlauben.

Wenn also ein Zeitreisender in einer Gesellschaft landet, in der er nur ein Normalbürger ist, hat er relativ wenig Macht, Einfluss auf die gesellschaftlichen Ereignisse zu nehmen. So kommt Madame X zum Beispiel am Vorabend der Französischen Revolution in Paris an. Wenn Madame X eigentlich nur eine Zeitreisende ist und keine herausragende Position in der Bürgerschaft einnimmt, dann ist sie keine Aristokratin, hat keine Verbindungen zu den Mächten der Revolution und ist daher nicht in der Lage, den allgemeinen Verlauf der Revolution zu beeinflussen.

Selbst wenn sie sich irgendwie Zugang zum Allerheiligsten verschaffen und die Bekanntschaft der Königin machen könnte, um dann anzudeuten, dass es wohl unklug wäre, gewisse Bemerkungen über Kuchen zu machen… die Französische Revolution war ein komplexes gesellschaftliches Phänomen, das als Resultat von Handlungen zu Tage trat, die im Laufe vieler Jahre – Jahrhunderte! – von Hunderten und Tausenden von Menschen ausgeführt oder auch nicht ausgeführt worden waren. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Madame X allein einen Schritt unternehmen kann, der die gesamte Revolution erfolgreich verhindern würde, diese war ein gesellschaftliches Ereignis von solcher Komplexität, dass es schlichtweg unvorstellbar ist, dass irgendein Individuum sie hätte kontrollieren können.

Allerdings bleibt Madame X die Macht, die jedes Individuum jener Zeit hat: Sie kann beispielsweise einen Freund warnen, dass es klug wäre, Paris zu verlassen. Wenn er auf sie hört, dann rettet sie ihm möglicherweise tatsächlich das Leben – und verändert damit die »Geschichte« (aber nicht die Annalen).

Ergo kann eine Zeitreisende freie Entscheidungen treffen und kleine, persönliche Veränderungen in der Vergangenheit bewirken – indem sie zum Beispiel einer Freundin rät, Kartoffeln anzubauen, und damit die Folgen einer bevorstehenden Hungersnot abwendet. Da große gesellschaftliche Ereignisse normalerweise das Sammelergebnis der Handlungen vieler Menschen sind, kann der Zeitreisende größere, ausführlich dokumentierte Ereignisse wahrscheinlich nicht verändern. Daher bewahren wir in unserer Handlung die philosophischen und erzähltechnischen Vorteile der Entscheidungsfreiheit, ohne jedoch die kognitive Dissonanz heraufzubeschwören, die der Leser empfinden wird, wenn wir die »Geschichte« verändern.

Nicht-Simultanität

Es ist unmöglich, dass zwei Individuen denselben physikalischen Raum einnehmen; zwei Spezies können nicht denselben ökologischen Raum oder dieselbe ökologische Nische besetzen. Daher kommt es mir intuitiv logisch vor, dass zwei Einheiten genauso wenig ein und denselben Zeitpunkt einnehmen können. Der Kniff ist hier natürlich, dass physikalischer Raum und ökologische Nischen außerhalb des Individuums liegen, während die Zeit innerhalb des Individuums liegt. Jeder Augenblick – oder jeder längere Zeitraum (zum Beispiel ein Menschenleben) – gehört nur zu einem Individuum.

Daher ist die Implikation der Nicht-Simultanität klar; zwei Individuen können zur selben Zeit an verschiedenen Orten existieren, doch kein Individuum kann gleichzeitig an mehr als einem Zeitpunkt existieren.

Das führt uns zu einer der interessanteren Fragen der Zeitreisetechnik – was also, wenn das Individuum versucht, in mehr als einer Zeit zu existieren? Ist das möglich?

Innerhalb unserer normalen physikalischen Gegebenheiten ist es nicht möglich, nein – aber das Schöne an Romanen ist, dass man nicht im Geringsten auf normale Gegebenheiten beschränkt ist. Geht man trotz allem davon aus, dass ein Mensch gleichzeitig zu mehr als einem Zeitpunkt existieren kann, so ergeben sich unterhaltsame Komplexitäten und Möglichkeiten (was auch die bereits erwähnte Geschichte von R. Heinlein verdeutlicht).

Diese Geschichten gehen von der Dualität (oder anderem Vielfachen) von Zeit und Raum aus – davon, dass ein Individuum von einem Zeitpunkt zum nächsten ein anderes ist (was ja in körperlicher und vielleicht auch geistiger Beziehung sicher stimmt). Nach dieser Hypothese ist eine Person eigentlich keine diskrete Einheit, sondern eine fortwährende Kette von Identitäten, die alle große Ähnlichkeit miteinander haben, sich aber alle leicht voneinander unterscheiden, und (das ist die Grundbedingung) jede dieser Identitäten kann physikalisch weiterbestehen, wenn man sie aus der zeitlichen Kette entfernt, die sie alle aneinanderbindet.

Natürlich ist es einer der Vorteile fiktionaler Erzählungen, dass es ein Leichtes ist, die zeitliche Verbindung aufzuheben, der Autor erfindet einfach nur eine glaubhafte Begründung und erklärt sie für wahr. Der einzige Nachteil dieser fiktionalen Annahme ist die Tatsache, dass sie sich derart in den Vordergrund drängt, dass es unumgänglich ist, sie in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen. Schön, aber es schränkt einen sehr ein.

Geht man stattdessen – auf der Grundlage der natürlichen Phänomene bzw. der Nicht-Simultanität – davon aus, dass niemand mehrfach existieren kann, dann ergibt sich eine andere Reihe faszinierender Situationen und logischer Entwicklungen. Was geschieht, wenn man versucht, gleichzeitig zu mehr als einem Zeitpunkt zu existieren? Wie kann man dieser Möglichkeit aus dem Weg gehen?

Gabaldons Theorie geht von der Voraussetzung aus, dass es einer Figur nicht möglich ist, zur selben Zeit mehrfach zu existieren. Daher kann jede Figur nur einmal existieren, ganz gleich, in welcher Zeitperiode sie sich befindet. Versucht eine Figur, unter der Voraussetzung der Nicht-Simultanität, in einer Zeit zu existieren, in der sie bereits existiert (hat), so dürfte sie als Resultat entweder ein Unglück erleiden oder weggedrängt werden – oder beides.

Als Roger zum ersten Mal den Steinkreis auf Craigh na Dun betritt und in Gedanken an seinen Vater durch den gespaltenen Stein schreitet, reist er daher versehentlich durch seine eigene Lebenslinie – das heißt, er versucht (unabsichtlich), zweimal zur selben Zeit zu existieren. Da er das nicht kann, gibt es ein ähnliches Resultat, als ob zwei Atome versuchen, denselben Raum einzunehmen – eine unmittelbare Energieexplosion, die sie auseinandertreibt.

Hätte Roger nicht die Edelsteine dabeigehabt (die die Energie wahrscheinlich absorbiert oder abgeleitet haben), wäre er zweifellos umgekommen. Zum Glück für ihn (und meine Geschichte) hatte er sie aber.

Die Moebiusschleife des Schicksals

Was ich als fiktionalen »Moebius-Schleifen«-Effekt bezeichne, ist eine Situation, in der eine Figur auf Grund ihrer Entscheidungsfreiheit handelt und ein Ergebnis erzielt, das eine persönliche historische Realität bewahrt, die ohne das Eingreifen der Figur nicht bewahrt worden wäre. Beispiele dafür sind (in Der Ruf der Trommel) der junge Mann, der sein Leben riskiert, um aus humanitären Gründen ein Baby zu retten – das (ohne dass er es weiß) sein eigener Vorfahr ist –, oder (in Jack Finneys Von Zeit zu Zeit) ein Zeitreisender, der durch eine bewusste, wenn auch unbedeutende Handlung die Empfängnis eines Mannes verhindert, der später der Entdecker der Zeitreise werden wird, und damit ein Risiko für seine Person beseitigt. Derartige Situationen riechen natürlich verdächtig nach Prädestination – doch wie schon gesagt, manchmal haben wir gern das Gefühl, dass jemand die Fäden in der Hand hält.

Textauszug aus
Diana Gabaldon: »Der magische Steinkreis«
Aus dem Amerikanischen von Barbara Schnell